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Sissel
Tolaas

Sissel Tolaas (*1959, Norwegen) spricht neun Sprachen und studierte Mathematik, Chemie, Linguistik und Kunst in Oslo, Moskau, Leningrad, Oxford und Princeton. Sie hat mehr als 7800 Gerüche aus aller Welt archiviert. Die in Berlin lebende Duftforscherin stellte unter anderem im MoMA New York, im Pekinger Nationalmuseum und auf der Biennale von Sao Paulo, Kwangju, Havanna und Berlin aus.fotos: max merz

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Das Leben ist das beste Parfüm

Die Arbeiten der Geruchskünstlerin Sissel Toolas gehen von der Beobachtung aus, dass „wir verlernt haben, unsere Nase zu benutzen. Dabei ist sie unser erstes Sinnesorgan, das zum Einsatz kommt, wenn wir unsere Mutter riechen. Leider lehnt der westliche Intellektualismus das Riechen als gefühlsbetont und wenig zivilisiert ab. Heute wissen wir nicht einmal mehr, wie es nach Nichts riecht; wir wissen ja kaum, wie wir selbst riechen." (Sissel Toolas) Ihr Zugang zum Bereich des Olfaktorischen ist dabei ein ebenso naturwissenschaftlicher wie philosophisch-künstlerischer, ohne sich dabei auf wissenschaftliche Disziplinen, akademische Schulen oder künstlerische Genres festlegen lassen zu wollen: Sie analysiert einerseits die molekulare Struktur von Gerüchen, stellt sie synthetisch her, fragt nach ihrer kommunikativen Bedeutung und ihrer daraus resultierenden Relevanz für das soziale Leben. Sie sucht geradezu eine Semiotik, eine „Sprache der Gerüche" zu entwickeln. Andererseits beschäftigt sie sich mit der im engeren Sinne ästhetischen Dimension des Geruchssinns: Wann beginnen Gerüche unangenehm zu werden? Was ist „Gestank"? Was ist das „Maß" für „Wohlgerüche? Sowohl in ihren wissenschaftlichen wie in ihren künstlerischen Arbeiten ist es Tolaas vor allem darum zu tun, die Dominanz der visuellen Reize in der modernen Lebenswelt zu hinterfragen, zu problematisieren.
Die von ihr gestaltete Wohnung in der Torstraße 166 sucht der Vernachlässigung der olfaktorischen Dimension des Lebens abzuhelfen, indem sie die primäre Bedeutung des Geruchssinns für die Konstitution unserer Wirklichkeitswahrnehmung erfahrbar macht. Die Künstlerin bemerkte zu ihrem Projekt: „Diese Wohnung existiert nicht nur im materiellen Sinne, sondern genauso in den Erinnerungen, in Geschichten und Bezeichnungen. Die Identität dieser speziellen Räumlichkeit kann man nicht wirklich mit wissenschaftlich Hilfsmitteln begreifbar machen. Über die geografischen und architektonischen Gegebenheiten hinaus existiert die Wohnung nämlich auch in ihren unsichtbaren Aspekten, in ihrer Atmosphäre, in der Erfahrung und den Ritualen ihrer ehemaligen Bewohner und Besucher, in ihren Gerüchen, ihren Spuren usf. Ich gehe also von den offensichtlichen zu den verborgenen Aspekten einer gegebenen Situation über."

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